Mittwoch, 5. September 2012

Talk to the Chair

Das Rätseln um Clint Eastwoods peinlichen Auftritt auf einer Wahlveranstaltung für Mitt Romney hat ein Ende. Für alle, die sich fragten, was das sollte, als er mit dem leeren Stuhl redete, hier die Antwort: Eastwood spielte eine Szene aus "Lost" nach, in der Benjamin Linus behauptete, er spreche mit Jacob.

Eastwood ist also kein verblendeter Republikaner und auch nicht senil. Er ist einfach nur ein Fan von "Lost"!

Doch im Ernst: Eastwoods Auftritt ist für mich mehr als enttäuschend. Natürlich ist Eastwood nicht der einzige "Nicht-Demokrat", der in Hollywood arbeitet. Und natürlich kann ich nicht erwarten, dass jeder Künstler die gleichen politischen Ansichten hat. Aber ein Arnold Schwarzenegger liefert Texte, die ein anderer geschrieben hat. Tom Cruise tut, was ihm irgendein Regisseur sagt. Hier interessiert mich gar nicht, was die beiden politisch oder religiös denken.

Doch bei einem Filmschaffenden wie Clint Eastwood, dessen Filme von Jahr zu Jahr an Reife und Tiefsinn zu gewinnen scheinen, ist es schmerzlich zu sehen, dass er auf politischer Ebene offenbar in unsäglicher Ignoranz steckengeblieben ist und mit Leuten der "Tea Party" sympathisiert. Es verwirrt mich, weil es schlichtweg nicht zu seinen vielschichtigen Filmen passt. Wie kann ein Mann, der in einem Film wie "Million Dollar Baby" einfühlsam die Nöte einer Frau zeigt, sich politisch für Leute einsetzen, die sogar vergewaltigten Frauen ein Abtreibungsrecht vorenthalten wollen, und das unter dem Argument, bei einer "echten" Vergewaltigung würde eine Frau gar nicht schwanger werden, weil ihr Körper automatisch biologische Abwehrstoffe bildet?

Wie kann ein Mann wie Eastwood einen Film wie "J. Edgar" drehen, in dem die unterdrückte Homosexualität der Hauptfigur genutzt wird, um dem Titelcharakter als tragischen Menschen darzustellen, und zugleich einem schwulenfeindlichen Mormonen zur Präsidentschaft verhelfen wollen?

Eastwoods Vorwürfe an den "Stuhl", weshalb Obama nicht alle Truppen aus Afghanistan abgezogen habe, kann man nur mit ungläubigem Stirnrunzeln kommentieren. Glaubt Eastwood wirklich, Romney will anders als Obama Truppen aus Afghanistan abziehen? Ist er derart uninformiert? Wie kann jemand, der so scharfsinnige Filme dreht, einen solchen Unfug reden?

Eastwoods Rede mit dem Stuhl erinnert mich an Norman Bates aus "Psycho". Der Vergleich mit Norman Bates erscheint mir vor allem deshalb stimmig, weil in Clint Eastwood zwei Persönlichkeiten zu leben scheinen. Zum einen ein wundervoller Filmemacher, der mit großartigen und tiefsinnigen Filmen verblüfft und beeindruckt. Auf der anderen Seite benimmt er sich wie jemand, der über Politik und Wahlprogramme offenbar genauso schlecht informiert ist wie der durchschnittliche American White Trash und der sich deshalb unglückseligerweise vor den Karren eines ewiggestrigen Mormonen spannen lässt.

Kommentare:

  1. Abseits seiner politischen Einstellungen finde ich aber an seinem Auftritt v.a. schockierend, wie sehr sich Clint Eastwood inzwischen in einen "sad pathetic old man" verwandelt hat.

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  2. Erschütternd vor allem deswegen, weil seine Filme weder sad noch pathetic noch "old" sind.

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