Donnerstag, 28. Oktober 2010

Jubelstimmung

Würde jemand seit Jahren davon reden, dass die Außerirdischen unter uns weilen, man würde ihn zum Psychiater schicken, oder ihn gar in die Psychiatrie einweisen, oder - noch schlimmer - auf das Sofa einer Nachmittags-Talkshow setzen.

Wenn aber Politiker seit Jahren Phantastereien verbreiten, dann wird das hofiert und gefeiert. So zum Beispiel von einem Radiosender wie Bayern 3, der mich heute früh wieder mal mit der frohen Nachricht beglückte, dass die Arbeitslosenzahlen unter die 3-Millionen-Grenze gefallen seien und dass Seehofer sich bereits Gedanken mache, wie man dem angeblichen Fachkräftemangel durch Anwerben von ausländischen Fachkräften gegensteuern könne.

Ich bin ja normalerweise für jede Verarsche zu haben. Aber das? Okay, von den Mitarbeitern von Bayern3 ist nicht viel mehr zu erwarten. Das sind Leute mit Beamtenstatus, die ihren Job wahrscheinlich dem richtigen Parteibuch zu verdanken haben und die es sich in ihrer Hängematte der Gebührensicherheit bequem machen. Aber es sind ja nicht nur solche, die unhinterfragt und unrecherchiert schlichtweg gelogene Pressemeldungen von Politikern nachplappern.

Hier kann man nicht mehr vom Schönreden von Zahlen reden. Das sind einfach platte Lügen, die nach dem George-Orwell-Prinzip durch ständige Wiederholung zur Wahrheit werden sollen.

Denn:

Wie kann die Zahl der Arbeitslosen unter die Drei-Millionen-Marke sinken, wenn selbst die Bundesagentur für Arbeit von 4,5 Millionen Arbeitssuchenden spricht?

Warum fallen alle, die älter als 58 und arbeitslos sind (0,35 Millionen), einfach unter den Tisch? Weil mit 58 eh keiner mehr arbeitet? Da passt ja das Hochsetzen des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre wie die Faust aufs Auge. Künftig kann man also neun Jahre lang arbeitslos sein, ohne auch nur für einen Tag in der Arbeitslosenstatistik zu erscheinen.

Wieso ist jemand, der einen sogenannten Ein-Euro-Job hat (0,32 Millionen), aus der Arbeitslosenzahl draußen? Ein-Euro-Job heißt, jemand ist arbeitslos und verdient sich (erzwungenermaßen) zu seinem Hartz-IV im Monat 120 EUR hinzu.

Wieso zählen die, die sich in einer beruflichen Weiterbildung (0,19 Millionen) oder Eingliederungsmaßnahme (0,2 Millionen) befinden, nicht als arbeitslos, obwohl sie diese Weiterbildung oder Eingliederung doch gerade wegen der Arbeitslosigkeit machen?

Wieso tauchen die 4,2 Millionen Menschen, die so wenig verdienen, dass sie mit Hartz-IV aufstocken müssen, gar nicht in der Arbeitslosenstatistik auf, selbst dann, wenn sie nur wenige Stunden in der Woche arbeiten?

Wieso zählen mehrere hunderttausend Jugendliche ohne Ausbildungsplatz weder zur Arbeitslosenstatistik noch zu der Zahl der Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz, wenn sie eine Maßnahme im so genannten "Übergangssystem" absolvieren, obwohl sie dabei keinen Berufsabschluss erlangen können und diese Maßnahme ja nur deswegen antreten, weil sie weder einen Ausbildungsplatz noch eine Arbeitsstelle haben?

1 Kommentar:

  1. Ich habe auch meine Zweifel was die jüngsten Zahlen auf dem Arbeitsmarkt angeht. Aber nicht nur das Radio berichtete über diese scheinbaren Erfolge. Auch die Süddeutsche (eigentlich ja ziemlich seriös) sprach von etwa 3 Millionen ARbeitslosen.
    LEtztendlich kommt es aber nicht darauf an, dass Jobs (Jobs im Sinne von Zeitarbeit, 1 Euro-Jobs, Kurzfristige Beschäftigung usw) geschaffen werden, sondern die guten alten unbefristeten Vollzeitstellen. Und in dem Sinne sind die jüngsten Erfolgsmeldungen Volksverarsche.
    Und auch wenn der Schröder bei der Einführung der Agenda 2010 damals geschimpft hat, dass der deutsche Arbeitsmarkt ja ach so unflexibel sei- die Situation im "Vorzeigeland" USA ist mittlerweile um einiges schlimmer.

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