Freitag, 3. August 2012
Besser gehts nicht
Ich glaube, selten hat mich im TV etwas so positiv überrascht wie das "Dallas"-Spin-Off. Die Serie lebt vom Ruf des Alten und nutzt es als Fundament, um darauf aufzubauen. Zugleich widerstanden die Autoren der großen Versuchung, die Figuren von einst als plumpe Klischee-Bilder zu missbrauchen. Die Charaktere wirken wieder so vielschichtig und plastisch wie einst in den Anfängen von "Dallas". Modernisiert wurde das, was moderne Serien im Vergleich zu früher tatsächlich auszeichnet: Das höhere Erzähltempo, die verschlungeneren Story-Pfade, der Mut zu Überraschungen.
Nichtsdestotrotz ist und bleibt "Dallas" eine Soap. Aber eben eine, die sich daran erinnert, dass "Dallas" eben nicht stets der alberne Quatsch war, bei dem auch mal eine ganze Season geträumt wurde, sondern eine Serie, die Themen wie Erbkrankheiten und Brustkrebs ins Fernsehen brachte und die es wagte, moralische Grautöne anzuschlagen.
Die neue "Dallas"-Serie hat das Erzähltempo von "Desperate Housewives", die Ernsthaftigkeit von "Six Feet Under" und den Charme und Witz der alten Serie. Die Serie macht alles richtig und ist eine Qualitäts-Soap durch und durch. Nächste Woche läuft in den USA bereits das Finale der ersten Staffel, die traditionsgemäß mit einem Cliffhanger enden soll. Zum Glück geht es danach bereits im Januar 2013 weiter.
Donnerstag, 2. August 2012
I spit on this film
Aufgrund dessen geht man als Horrorfilmliebhaber jeder noch so dünnen Empfehlung nach, was dazu führte, dass ich mir den Film "I Spit On Your Grave" sogar in der ungekürzten österreichischen Fassung geholt habe.
Der Film handelt von einer jungen Frau, die von einer Gruppe Männer vergewaltigt wird. Nach einem Monat taucht sie überraschend auf und rächt sich auf brutale Weise an jedem einzelnen.
Der Film versucht, diese dünne Handlung durch allerlei Charakterdarstellung aufzuwerten. In der ersten Hälfte des Films gelingt dies auch einigermaßen, bis hin zur detailliert inszenierten Vergewaltigung. Spannung wird dadurch dennoch keine erzeugt, doch bis dahin fragt man sich neugierig, ob der vom Film angestrebte Realismus sich auch auf die zweite Hälfte erstreckt.
Doch seltsamerweise macht der Film noch nicht einmal den Versuch, den Stil der ersten Hälfte zu bewahren und verfällt plötzlich in unsagbar typisches und vollkommen unoriginelles Horrorfahrwasser, bis man sich nur noch fragt, wieso man sich als Zuschauer überhaupt durch diese lange, ausufernde und auf Realismus getrimmte Vergewaltigungsszene quälen musste, wenn man dann letztlich doch nur mit unrealistischem Horrorquatsch, wie er in jedem x-beliebigem Unfug vorkommen würde, "belohnt" wird.
Was bleibt, ist ein ärgerlich schwacher Film, der versucht, großes Psychodrama zu sein, dann aber zu gnadenlos konventionellem Splatterschmarren verkommt. Ein Film, der sein schwaches Niveau gerade dadurch offenbart, indem er vorgibt, mehr sein zu wollen als er ist: Banaler, langweiliger und dümmlicher Splatter.
Mittwoch, 1. August 2012
Ernährungsmittelalter
Damals, so heißt es dann immer, war man noch nicht so aufgeklärt. Doch was ist unsere Entschuldigung, wenn wir an haarsträubenden Esoterikblödsinn glauben, ohne ihn zu hinterfragen?
Nein, ich meine damit nicht das "Wünsch dir was"-Universum, die "Entschlackung" des Körpers oder die Geistheilungen. Ich spreche von den Kalorien im Essen.
Der Begriff Kalorie stammt ursprünglich aus der Physik und ist eine veraltete Maßeinheit für Wärmeenergie. Natürlich verstehen wir heute etwas anderes darunter. Mit dem Begriff Kalorien treffen wir Aussagen über unsere Lebensmittel.
Doch wie misst man eigentlich den Kaloriengehalt von Nahrung? Man benutzt dafür ein Gerät, das Bombenkalorimeter heißt. Das ist ein Container, den man mit Wasser füllt. In dieses Wasser wird eine Stahlkugel gelegt, in der sich die zu messende Nahrung befindet. Dann führt man einen glühenden Draht in die Kugel ein, die Nahrung wird entzündet und verbrannt. Gemessen wird, um wie viel Grad sich das Wasser erwärmt. Befinden sich im Container 1000 Gramm Wasser und werden diese durch das Verbrennen der Nahrung um 2 Grad erwärmt, dann hatte die Nahrung 2 mal 1000 Kalorien bzw. zwei Kilokalorien.
Und jeder, der das hier liest und zumindest noch sein Stammhirm aktiv hat, wird sich fragen: Häh? Stimmt das wirklich? So ein Unfug kann doch unmöglich etwas darüber aussagen, ob eine Nahrung dick macht oder nicht?
Natürlich nicht! Der Bombenkalorimeter war auch ursprünglich dafür gedacht, die Qualität von Brennmaterialien für Dampfmaschinen zu bestimmen. Ein Stück Kohle im Bombenkalorimeter bringt mehr Kalorien als ein Stück Holz. Allein daran sieht man, dass sich das auf den Menschen nicht übertragen lässt. Ein Mensch wird nämlich weder von dem Stück Holz noch von dem Stück Kohle dick, er scheidet beides einfach wieder aus.
Auch wenn immer wieder der Begriff "Fettverbrennung" durch die Medien geistert, der Stoffwechsel im menschlichen Körper hat rein gar nichts mit einer "Verbrennung" zu tun. Nahrung wird im Körper abgebaut oder zerteilt und neu zusammengesetzt. Das alles ist individuell sehr verschieden, auch die Menge dessen, die der Körper als unverwertbar einstuft und ausscheidet.
Hinzu kommt, dass Nahrung immer wieder anders ist. Eine Hand voll Getreide ergibt im Bombenkalorimeter immer wieder neue Zahlen, abhängig von Zustand und Herkunft der Nahrung. Ein Brot, das etwas schärfer gebacken ist, ergibt im Bombenkalorimeter plötzlich andere Werte. Bei den "Kalorientabellen" wird aber stets von Einheitswerten ausgegangen.
Wir haben also einen Messwert, der keinerlei Aussagekraft hat. Der, selbst wenn er diese Aussagekraft hätte, vollkommen ungenau und bei jedem vergleichbaren Lebensmittel immer wieder vollkommen anders wäre. Und der dann noch auf vollkommen unterschiedliche "Maschinen" treffen würde, denn jeder Mensch ist anders. Die Kalorienzahl hat daher nichts mit Wissenschaft zu tun. Es ist pure Quacksalberei, ein Aberglaube aus dem 19ten Jahrhundert, der sich heute zum Massenwahn und einem riesigem Geschäftsfeld ausgeweitet hat.
Dennoch hat die Europaische Union beschlossen, dass ab dem Jahr 2014 die Kalorienzahl verpflichtend auf jedem Lebensmittel abgedruckt sein muss. Man nennt das "Verbraucherschutz". Dabei müsste der Verbraucher viel mehr vor schwachsinnigem und wissenschaftlich blödsinnigem Esoterik-Halbwissen im Gewand von Ernährungsempfehlungen beschützt werden.
Bis es so weit ist, fordere ich, neben der Kalorienzahl bitte noch das Sternzeichen und die Stellung des Mondes bei Verpackung und geratenem "Ablaufdatum" des Lebensmittels abzudrucken. Und vielleicht könnte man zusätzlich "hochkalorischen" Lebensmitteln noch einen Ablassbrief für die potenzielle Esssünde beilegen. Das würde all diese Tabellen und Zahlen, die echte Wissenschaft und glaubhafte Präzision vortäuschen, zumindest ins rechte Licht rücken.
Hier ein paar Links für alle, die sich mit dem Thema befassen wollen:
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/mahlzeit/697274/
http://www.welt.de/print-welt/article182457/Der-Koerper-holt-es-sich.html
Dienstag, 31. Juli 2012
John Carter - Zwischen zwei Flop-Erklärungen
In der "Star Trek: The Next Generation"-Folge "Peak Performance" (Galavorstellung) spielt der Androide Data mit dem zakdornianischen Meisterstrategen Sirna Kolrami eine Partie des Phantasie-Spiels Strategema. Und selbst Dr. Pulaski ist überrascht, als Data verliert. Data kommt nur schwer über seine Niederlage hinweg, denn er kann in seinen Analysen keinen Fehler entdecken. Daraufhin sagt Picard etwas sehr Kluges zu ihm: "Es ist gut möglich, keine Fehler zu machen und dennoch zu verlieren. Das ist kein Zeichen von Schwäche, das ist das Leben."
In unserer neo-liberal geprägten Welt, in der - trotz völlig unterschiedlicher Startpositionen - angeblich jeder seines Glückes Schmied ist, geriet diese banale Erkenntnis mehr und mehr in den Hintergrund, sie hat sich geradezu in ihr Gegenteil verkehrt. Vielleicht auch deshalb, weil uns die Vorstellung von einer Welt mit klaren Erfolgsregeln Sicherheiten gibt. Weil wir eine Welt, in der mehr von Zufall, Glück und Unglück abhängt als uns allen lieb ist, zu sehr fürchten müssten.
Daher sind viele überzeugt: Wenn irgendwo eine Katastrophe passiert, dann nur deshalb, weil jemand etwas falsch gemacht hat. Krank wird der, der "ungesund" lebt, scheitern tut der, der sich nicht an die Erfolgsregeln hält.
Besonders deutlich merkt man das, wenn ein Film oder ein Buch sehr erfolgreich ist oder gnadenlos floppt. Es dauert nicht lange, und ganze Horden von Superschlauen werden nicht nur erklären, warum das so war, sie werden auch erläutern, warum das geradezu unweigerlich so kommen musste. Von professionellen Journalisten-Analysen bis hin zu banalen Blog- und Facebookeinträgen wird das Credo letztlich immer gleich ausfallen: Erfolg oder Misserfolg waren doch von vorneherein klar.
Daher möchte ich gleich vorwegschicken, dass ich mich nicht in die Reihe der Leute einordnen möchte, die glauben, genau zu wissen und erklären zu können, weshalb ein Film wie "John Carter" floppt, während ein Film wie "Avatar" sehr erfolgreich ist.
Dennoch fiel mir bei "John Carter" ein Element auf, weshalb der Film für mich nicht funktionierte: So phantasiereich der Film in jeder Bildeinstellung war, es fehlte dem Helden nahezu dem ganzen Film über ein Ziel, das als Motiv seiner Handlungen gedient hätte. Was will John Carter? Eigentlich will er gar nichts, er will nur irgendwie wieder nach Hause und seine Ruhe. Er will niemanden wirklich helfen, er will kein Unrecht aus der Welt schaffen oder irgendeine Katastrophe verhindern. Er will nicht die Liebe seines Lebens für sich gewinnen oder einen Tyrannen stürzen. Und die anderen Parteien wissen auch nicht so wirklich, was sie wollen, auch nicht die Gegner, insbesondere diese Gestaltwandler-Thern, die nur irgendwie böse und verschlagen waren, ohne dass es dafür einen erkennbaren Grund gab.
Ob der Film erfolgreicher gewesen wäre, wenn man sich für John Carter ein Ziel überlegt hätte? Wenn er versucht hätte, E.T. nach Hause zu bringen, den weißen Hai zu fangen oder den Ring nach Mordor zu schaffen? Vielleicht ja. Vielleicht auch nicht. Vielleicht hätte ich dann geschrieben, dass der Film großartig war und ich mir sein Scheitern so gar nicht erklären kann. Oder es hätte der Film für mich noch immer nicht funktioniert, weil der Held schablonenhaft, die Darsteller zu durchschnittlich und die Marswelt nicht auch nur ansatzweise so märchenhaft und bezaubernd war wie die Welt von "Avatar".
Letztlich bleibt für mich nur die erstaunliche Feststellung, dass ein Pixar-Regisseur bei Disney einen Film machen konnte, in dem der Held vollkommen unmotiviert handelt und damit gegen eine grundlegende Regel des Geschichtenerzählens verstößt.
Freitag, 27. Juli 2012
Würfelzuckerrechnungen mit Bubble Tea
Vor allem die "Grünen" tun sich nun massiv hervor, gegen dieses Getränk vorzugehen und haben eine Anfrage an die Bundesregierung gestellt. Es passt zu dieser Partei, hat doch bereits Renate Künast in ihrem Buch "Die Dickmacher" einen Zuckerbäcker mit dem leibhaftigen Teufel verglichen. Und genau das ist auch angeblich so "teuflisch" an dem "Bubble Tea": Der viele Zucker.
Dass Zucker dick macht und zu Diabetis führt, ist zwar mehrfach wissenschaftlich widerlegt oder zumindest als unhaltbare These entlarvt worden, aber da die Leute weiterhin fleißig hochgiftige Süßstoffe in den Kaffee tun, obwohl auf dieser Erde noch nie jemand davon berichtet hat, seit dem Benutzen von Süßstofftabletten abgenommen zu haben, sehe ich hier keine Chance, in einem kurzen Blogeintrag den irrwitzigen Aberglauben über die Gesundheitsgefahren des Zuckers zu entkräften. Hier geht es also nur um das Thema: Woher kommen all die Zuckerwürfel im "Bubble Tea"?
Die Stiftung Warentest hat geschrieben, dass ein "großer Becher" Bubble Tea angeblich dreißig Würfel Zucker enthält. Und das haben dann ja sofort all die Qualitätsjournalisten abgeschrieben, ohne dass auch nur einer von ihnen nachgefragt hätte, was denn unter einem "großem Becher" zu verstehen sei. Bei McDonald ist ein großer Becher 0,6 Liter groß. Dafür wären dreißig Würfel Zucker in der Tat recht viel, allerdings auch nicht uferlos viel, denn die gleiche Menge naturtrüber Apfelsaft kommt bereits auf 27 Würfel Zucker.
Dennoch stellt sich mir die Frage, wie denn bitte dreißig Würfel Zucker konzentriert in so ein bisschen Sirup und ein paar Bubbles reinzupressen sind. Dazu passt, dass auch die vielen Qualitätsjournalisten vergessen haben zu erwähnen, dass auch die Stiftung Warentest nur den "besonders schlimmen" Mangomilchtee von Boobuk beschuldigte, und dass dieser Mangomilchtee bei fünfhundert Kilokalorien eben besagte dreißig Würfel Zucker habe. Denn: Bubble Tea kann wie ein Milch-Shake mit ganz viel Milch zubereitet werden, oder aber auch ganz ohne Milch.
Natürlich hat der Bubble Tea mit Milch weitaus mehr Kalorien, das ist ja beim Milchkaffee von Starbucks nicht anders. Nur: Seit wann ändert die Milch etwas am Zuckergehalt? Wenn ich in meinem Kaffee drei Würfel Zucker reingebe, dann bleibt es bei drei Würfel Zucker, auch wenn ich da noch fleißig Milch draufgieße.
Doch genau so erklären sich die abenteuerlichen dreißig Würfel Zucker, welche die Stiftung Warentest und danach alle Qualitätsjournalisten und die besorgten Grünen-Politiker ins Geld führten. Die Stiftung Warentest hat einfach die Gesamtkalorienzahl - die oben erwähnten 500 Kalorien - durch 16 geteilt. Denn ein Würfel Zucker hat 16 bis 20 Kalorien, und damit man auf besonders viele Zuckerwürfel kommt, nimmt man natürlich immer die kleinste Zahl. Also: 500 : 16 = 31.
Das ist freilich großer Blödsinn, denn die Gesamtkalorien kommen bei einem Milch-Shake auch durch das Fett und das Eiweiß der "gesunden Milch" zustande. Genauso könnte ich sagen, ein Liter Magermilch enthalte 31 Würfel Zucker, weil er insgesamt 490 Kalorien hat. Ich könnte überhaupt jedes Essen in Würfelzucker umrechnen. Ein kleiner Apfel = vier Würfelzucker, ein Teller Gemüseeintopf = 26 Würfel Zucker. Dennoch hat der Verzehr von einem Teller Gemüseeintopf doch nichts mit dem Verzehr von 26 Zuckerwürfeln zu tun. Und das gilt auch für den "Bubble Tea": Selbst wenn jemand den großen Becher Mangomilchtee von Boobuk trinkt, hat er keine dreißig Würfel Zucker zu sich genommen.
Was soll das also? Um die Gefährlichkeit eines Getränks zu beweisen, nimmt man die größte Portion, die denkbar kalorienreichste Zubereitungsart und errechnet damit erfundene Würfelzucker, die so im Getränk nicht drin sind. Ist das eine Sensationsbeschaffungsmaßnahme mit gewollter Spaßbrems-Wirkung und der Lust an unsinniger Panikmache? Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Eltern sich völlig unbegründet Sorgen machen oder gar Streitgespräche mit ihren Sprösslingen führten, weil die Kinder natürlich - angeheizt durch die Werbung - "Bubble Tea" trinken wollen.
"Ist ja auch richtig!", so wird mancher rufen, denn der "Bubble Tea" ist ja auch gefährlich. Wenn schon nicht wegen des Zuckers, dann wegen der bösen Farbstoffe.
Farbstoffe!!!
Beim Begriff "Farbstoffe“ läuten bei vielen sofort die Alarmglocken. Man braucht nur dieses Wort zu sagen, um aller Welt zu zeigen, was für eine teuflische Giftplörre aus den Frankensteinlabors der Chemieindustrie dieses Getränk sein muss. Dabei wird gerne übersehen, dass sich Farbstoffe überall befinden, vor allem im angeblich so "gesunden" Obst und Gemüse. Daher gibt es ja auch die "Ernährungsempfehlung", man möge doch nicht nur fünfmal am Tag irgendein Obst oder Gemüse essen, sondern auch noch Gemüse mit verschiedenen Farben. (Das ist esoterischer Unfug, weil die pflanzlichen Farbstoffe keinerlei erkennbaren "Nutzen" für den Körper haben, aber es ist doch witzig, wie unterschiedlich die "Farbenlehre" in der Ernährung gerne verwendet wird.)
Aber im "Bubble Tea" sind ja die bösen Azofarbstoffe drin. Und die sind doch nun wirklich, wirklich ganz ungesund und nicht gut. Blöderweise sind es beim "Bubble Tea" die gleichen Farbstoffe, die sich auch im Fruchtgummi, in Götterspeise oder im Lachsersatz befinden. Auch im Münchener Modegetränk Aperol Sprizz ist dieser Farbstoff drin. Ich weiß allerdings nicht, ob hier auch eine "Anfrage" der Grünen läuft, oder ob sich nicht so mancher "Grüne" selbst einen Aperol Sprizz genehmigt, während er bei einem Empfang wieder einmal den Kopf über dieses furchtbar ungesunde Jugend-Modegetränke den Kopf schüttelt. (Es gibt natürlich tatsächlich Menschen, die auf Azofarbstoffe allergisch reagieren. Es gibt aber auch Menschen, die allergisch auf Mehl oder Nüsse sind. Das beweist nicht die "Gefährlichkeit".)
Was bleibt also? Ein süßes Getränk mit Farbstoffen. Der Süßegrad wird mit abenteuerlichen Hoch- und Umrechnungen völlig verfälscht, und bei den Farbstoffen handelt es sich um Stoffe, die es seit Jahren in vielen Lebensmitteln gibt. Aber es ist eben einfach ein Unterschied, ob die Münchener Schicki-Micki-Gesellschaft ein gefärbtes und kalorienreiches Modegetränk schlürft, oder ob es sich dabei um die ja stets gefährdete Jugend handelt, die sich ein paar bunte Bälle in einem harmlosen Tee-Shake reinzischt. Ärgerlich wird es nur, wenn ein paar Politiker meinen, sich damit wichtig tun zu müssen und dann mit schwachsinnigen Anfragen Wählerfang betreiben.
Zuletzt noch ein paar Fakten: Der 0,4-Literbecher "Milky Strawberry"-"Bubble Tea" bei McDonald hat 240 Kalorien, die milchfreien Varianten "Black Litschi" und "Fresh Mango" kommen sogar nur auf 170 Kalorien. Da soll einer noch die Bundesregierung verstehen, dass sie bei sowas tatenlos zusieht.
Montag, 2. Januar 2012
Prost Neujahr

Alle Jahre wieder. The same procedure as every year.
Ein neues Jahr beginnt, und neben all den Rückblicken gibt es natürlich auch die Vorschau. Hier kommen wir in den Bereich, den man gemeinhin als Wahrsagerei beizeichnet. Früher tummelten sich die Wahrsager auf dem Jahrmarkt, heute nennt man diese Personen Experten.
Experten zeichnen sich dadurch aus, dass sie immer so tun, als wüssten sie alles. Statt bunter Tarotkarten haben sie meist fade Excel-Tabellen, doch eins haben sie mit den Kollegen vom Jahrmarkt gemein: Sie kümmern sich nie um den Blödsinn, den sie in den letzten Jahren verzapft haben.
Da wäre zum Beispiel die Zeitschrift Brigitte, die mal wieder die endlose Diätgeldmaschine anwirft. Wie heißt es in der Überschrift? "Weil alte Gesetze nicht mehr gelten."
Ach, die "alten Gesetze" gelten nicht mehr? Da gab es wohl eine Gesetzesreform. Und jetzt muss man sich halt den "neuen Gesetzen" anpassen, nicht wahr? In Wahrheit ist es natürlich so, dass diese Zeitschrift mit ihrer von allen Seiten gelobten Brigitte-Diät jahrzehntelang unzählige Frauen in eine abstruse Reduktionsdiät mit Körnern und anderen Voodoo getrieben hat, was zum unweigerlichen Jojo-Effekt führte. Und wenn das die gleichen Leute einfach über den Haufen werfen, dann nutzt man das auch noch für eine verkaufsfördernde Schlagzeile. Raffiniert.
Focus-Money hingegen verspricht mal wieder Anlagetipps. Man staunt, dass es noch immer möglich ist, Leser mit Anlagetipps zu ködern. Wir hatten die tollen Lebensversicherungen, die man heute nur noch mit einem "wie konntest du nur?" quittiert. Wir hatte Telekom-Aktien und Fonds von asiatischen Aktien, die heute nichts mehr wert sind. Wir hatten die Riesterrente, die selbst den klassischen Sparstrumpf unterbietet, und wir hatten den Hype aufs Gold, der genauso geplatzt ist wie alle anderen Finanzblasen. Und dennoch wagen es Zeitschriften noch immer, Leser mit angeblich "sicheren" Anlagetipps zu ködern.
Den Vogel schießt allerdings der Spiegel ab. Da diese Zeitschrift politisch auf den Hund gekommen ist, widmet man sich nach Themen wie "Jesus" und "Hitler" wohl nur noch dem geschlagenen Schaum. Nach einem Titelbericht über die "ewige Liebe" ist nun der Optimismus dran, und der ist – man kommt aus dem Staunen nicht raus – gar nicht mehr so angesagt. Im Gegenteil. Irrationaler Optimismus ist nun plötzlich schuld an allerlei Finanzblasen, Krisen und dem berühmten bösen Erwachen. Da ist es noch gar nicht lange her, da wurde uns von selbsternannten Gurus eingebläut, dass positives Denken das Nonplusultra ist, dass Skeptiker und Ängstliche selbst schuld seien an ihrem Elend und sich gar nicht zu wundern bräuchten, wenn dann "das Universum" (!!!) genau diese Skepsis erfülle und nicht die positiven Wunschträume ... In der Tat muss man feststellen, dass das Universum bei den positiven Erwartungswunschträumen der Finanzexperten wohl ein wenig geschlafen hat, dennoch staune ich darüber, wie schnell das von allen Seiten propagierte positive Denken nun zur Ursache des Problems erklärt wird.
Und das wird auch 2012 die große Konstante sein. Man wird den Leuten erzählen, was sie essen, denken und wie sie sich auf die jetzt schon feststehende Zukunft vorbereiten sollen. Experten werden uns über "dumme Irrtümer" aufklären, die sie zum Teil selbst in die Welt gesetzt haben. Und man wird immer wieder überrascht sein, wenn die millionste Prognose sich dann doch ganz überraschend als falsch entpuppt.
Mittwoch, 14. Dezember 2011
Fütterung von Kleinkindern
Der obige Trailer bewirbt einen Film mit dem Titel "John Carter". Ich finde den Trailer gar nicht schlecht. Der Film basiert auf einer sehr alten Roman-Reihe – nicht dass jemand die wahnwitzige Vermutung anstellt, hier hätte Hollywood tatsächlich mal eine neue Idee gehabt - , doch darum soll es hier gar nicht gehen.
Dieser Trailer ist ein weiteres Beispiel für eine schon lange anhaltende Unart bei Filmtrailern: Permanente Fade-Outs. Fast schon im Sekundentakt wird der Bildschirm schwarz, gefolgt von etwa zwei Sekunden Bild und ... erneut Abblende.
Das alles könnte man ignorieren, würde inzwischen nicht jeder Blockbuster so beworben, man siehe nur hier, hier und hier als willkürliche Beispiele. Es folgt stets das gleiche Schema: Ein paar Bilder – Schwärze. Bilder – Schwärze.
Man könnte diese Masche als Mode-Gag abtun, aber ich denke, da steckt mehr dahinter. Es geht um die geistige Aufnahmekapazität des potenziellen Kinogängers.
Vor nichts hat Hollywood im Moment so sehr Angst, als seine Zuschauer intellektuell zu überfordern. Kein Wunder: Wer dem Publikum jahrelang zu neunzig Prozent aufgewärmten Dünnschiss nach der Struktur von Pornofilmen serviert (nur dass die Rammelszenen hier durch Kino-Action ersetzt werden), züchtet sich dadurch natürlich eine Gattung heran, für die man Kinotrailer nach dem Prinzip der Fütterung von Kleinkindern gestalten muss - immer wieder ein kleines Häppchen lauwarmen Brei in den Mund, und dann abwarten, damit der kleine Wonneproppen nicht zu viel rülpsen muss oder sich gar verschluckt.
Kritisch wird es nur, wenn man die geistige Aufnahmekapazität der Kinogänger irgendwann so weit gesenkt hat, dass bei einem Trailer auf zwei Sekunden Bild zehn Sekunden Schwarz-Pause zur geistigen Verdauung folgen müssen. Wobei: Die Handlung der meisten Filme ist in weniger als zwei Sekunden erklärt, sodass sich Trailer damit ohnehin nur noch selten befassen. Zwei Sekunden Filmausschnitt und zehn Sekunden Schwarzpause dürften bei den meisten Filmen locker reichen.
Samstag, 10. Dezember 2011
Generation Post-Doof
Anlass für diese Erkenntnis ist der über Spiegel-Online bekannt gewordene Umstand, dass amazon.de jährlich das Saisongeschäft bestreitet, indem es Tausende von Erwerbslosen zwei Wochen unbezahlt für sich arbeiten lässt. Die Arbeiter erhalten weiterhin Hartz-IV, das bekanntlich vom Steuerzahler erbracht wird. Die Arbeiter erhalten auch keinerlei Zahlung in die Rentenkasse. Dort werden sie so geführt, als hätten sie nicht gearbeitet.
Den Glücklichen, die "übernommen" werden, winkt laut Amazon-Pressesprecher eine Arbeitsmöglichkeit von drei Wochen (Wow!) bis sechs Monaten (nachzulesen hier), und das bei einer Bezahlung, die noch immer zum Leben nicht reicht, sodass die Betroffenen offenbar auch danach mit Hartz IV (also erneut mit Geldern des Steuerzahlers) aufstocken müssen, wie man hier nachlesen kann.
Gegen ein solch schamloses, ausbeuterisches Treiben bin ich als Einzelperson machtlos. Ich bin auch als Wähler machtlos, weil alle Mainstream-Parteien diesen Zustand fördern (weshalb dieser Missstand "legal" ist), weil er werbewirksam die Statistiken beschönigt, denn auch wenn jemand ohne Lohn für amazon.de arbeitet (oder danach so wenig Geld bekommt, dass er weiterhin auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen ist), so taucht er nicht mehr in der Arbeitslosen-Statistik auf.
Aber als Konsument habe ich Macht. Ich kann entscheiden, inwieweit ich menschliche Ausbeute unterstütze. Ich habe jährlich vierstellige Beträge bei amazon.de gelassen. Damit ist es vorbei, und zum Glück kenne ich viele, die meinem Beispiel folgen.
Natürlich gibt es andere. Mitglieder der Generation "Post-Doof". Die das alles gut und richtig finden. Wahrscheinlich, weil sie es nur noch aus Erzählungen von früher kennen, dass ein Saisonarbeiter ganz normal von Tag eins an guten und vernünftigen Lohn bekam.
So hat "Ralf" einen Kommentar im vorherigen Blogposting hinterlassen, und ich möchte diesen Kommentar hier noch einmal zitieren:
Nun, ich arbeite bei Amazon und weiß, dass die Arbeitsbedingungen bei uns sehr gut sind. Die Presse hat hier Dinge aufgebauscht. Es gab tatsächlich EINEN Fall, in dem ein Praktikant vom letzten Jahr, der nicht übernommen wurde, dieses Jahr wieder in einem unbezahlten Praktikum beschäftigt wurde. Es liegt hier aber auch in der Verantwortung der ARGE, diesen Umstand zu bemerken (Akten von ubezahlten Praktikanten werden nicht geführt) und wie gesagt, es war ein Versehen und kam nur in einem Fall vor.
Ja, es ist gängige Praxis bei vielen Firmen und viele Firmen nutzen diese Möglichkeit wesentlich unverblümter als Amazon. Wir haben immerhin eine Übernahmequote bei diesen Praktikanten von beispielsweise 90% in Werne. Die Hartz IV - Empfänger erhalten hier von Amazon also eine echte Chance, sich zu beweisen (Wie ich damals übrigens auch, andere Arbeitgeber wollten sich mit mir überhaupt nicht befassen).
Amazon nutzt die Möglichkeiten, die der Staat bietet, aber von "Aus"nutzen zu reden ist hier eine stark polemisierte Sichtweise.
1. Aufgebauscht? Wo wurde hier was aufgebaucht? Sich auf Staatskosten unbezahlte Saisonarbeiter zu holen, ist ein Skandal. Dieser Skandal führte zu zwei läppischen Artikeln auf Spiegel-Online (über die ich mich bereits gewundert habe), der zweite bereits beschönigend. Das war es auch schon. Reine Saisonarbeiter ohne Lohn für sich schuften zu lassen, ist auch dann ein Skandal, wenn es nicht regelmäßig "vermehrt" vorkommt.
2. Der immer wieder vorgebrachte Einwand, dies sei "üblich" und werde von anderen Firmen noch radikaler betrieben, ist eigentlich ein gesellschaftliches Pulverfass, das in die ganz großen Schlagzeilen gehört, keine Rechtfertigung. Wie gesagt: Ein Phänomen der Generation Post-Doof. Ich selbst habe als Schüler und Student Saisonarbeit verrichtet. Und natürlich wurde ich von Tag 1 an bezahlt! Doch für Generation "Post-Doof"-Menschen sind das wohl weit in der Ferne liegende Geschichten vom einstigen Arbeiterparadies.
3. Soso! Amazon führt also keine Akten über die "unbezahlten Praktikanten". Ich weiß nicht, ob diese Behauptung stimmt. Wenn sie stimmt, finde ich sie hochinteressant! Normalerweise gibt es bei "Praktikas" - zumindest bei das, was auch nur im Ansatz diese Bezeichnung verdient - Bewertungen, Zeugnisse, Zwischenberichte. Und amazon.de führt noch nicht einmal die Namen der unbezahlten Arbeitssklaven. Tja, warum sollten sie auch? Sollen das doch die ARGEn tun. Gerade diese Aussage beweist, dass die scheinheilige Bezeichnung "Praktikum" ein Hohn ist. Es geht hier ausnahmslos um das Ausnutzen kostenloser Arbeitskräfte. Mit Hilfe des Gesetzgebers lässt amazon.de Menschen unbezahlt für sich arbeiten, und interessiert sich für die Personen und ihre Arbeitsleistung noch nicht einmal hinreichend genug, um auch nur über die Namen Akten zu führen. Wären es echte Praktikas, würde amazon.de schon aus eigenem Interesse Akten führen. (Immer vorausgesetzt, dieser "Einwand" von Ralf entspricht der Wahrheit.)
Es könnte natürlich sein, dass dieser Kommentar von Ralf bewusst so verfasst war, dass jedem, der ihn liest, die scheinheiligen Rechtfertigungen von amazon.de ins Auge springen. In diesem Fall gratuliere ich dem Schreiber zu seiner hohen sozialen Intelligenz.
Damit man mir hier aber nicht Sturheit und Fanatismus vorwirft, mache ich hiermit amazon.de zwei Angebote:
Angebot 1:
Amazon.de darf mir gerne für zwei Wochen Lohn bezahlen - ohne dass von mir irgendeine Arbeitsleistung kommt, versteht sich. Nach diesen zwei Wochen werde ich dann großzügig entscheiden, was ich tue (denn ich brauche im Moment keinen Job bei amazon.de). Aber amazon.de kann das Prozedere dann gerne nächstes Jahr wiederholen. Akten werde ich in der Zwischenzeit keine führen.
Angebot 2:
Ich kaufe die nächsten zwei Wochen bei amazon.de ein, ohne dass mich die Pflicht trifft, den Kaufpreis zu entrichten. Damit würde ich amazon.de eine echte Chance geben, sich als Online-Händler zu "beweisen". Ob ich danach immer noch bei amazon.de gegen Bezahlung einkaufe, ist zwar ebenfalls meiner reinen Willkür unterworfen, aber keine Sorge, auch dieses Prozedere können wir gerne Jahr für Jahr wiederholen - am Besten während des Saisongeschäfts. Und obwohl ich keinerlei Kaufpreis entrichte, darf amazon.de mich in dieser Zeit gerne statistisch als Käufer führen.
Denn großzügig wie ich bin, gebe ich Unternehmen wie amazon.de gerne auch mal echte Chancen, sich bei mir zu beweisen!
Dienstag, 29. November 2011
Boykott von Amazon
Als ich davon erfuhr, habe ich meine ausstehenden Vorbestellungen bei amazon.de storniert und in der Begründung eben auf diesen Missstand sozialer und menschlicher Ausbeute hingewiesen. Ohne eine Antwort zu erhalten.
Amazon.de braucht Saisonarbeiter, holt diese für sechs Wochen, lässt sie aber die ersten zwei Wochen unter dem Vorwand, es sei ein "Praktikum", kostenlos arbeiten. Die Arbeitenden erhalten weiterhin Hartz IV vom Staat.
Doch damit hat die Dreistigkeit kein Ende. Amazon wiederholt dieses Prozedere Jahr für Jahr, auch bei denen, die im Jahr zuvor bereits "eingestellt" worden waren und bei denen damit ein "Einarbeitungs-Praktikum" unnötig ist. Angeblich handelt es sich dabei um 9000 Leute, die Jahr für Jahr befristet eingestellt werden, stets erst nach der "unbezahlten Praktikumsphase". Bei der Hälfte wird diese Ausbeutung zum wiederholten Male angewandt.
Die Fragen, die der lesenwerte Spiegel-Online-Artikel nicht stellt, sind:
- Wozu benötigt jemand, der Dinge verpacken soll, ein zweiwöchiges Praktikum?
- Wieso soll der Steuerzahler dafür aufkommen, dass eine Firma Saisonarbeiter braucht?
- Wieso werden in Deutschland Gesetze erlassen, welche zeitlich befristete Arbeitsverträge für Arbeitgeber noch attraktiver machen? Der Nachteil an Befristungen ist für den Arbeitgeber, dass er die Leute immer wieder neu anlernen muss. Diesen Nachteil könnte er ja durch Festeinstellungen umgehen. Warum sollte der Steuerzahler die Kosten dafür übernehmen, dass sich ein Unternehmen vor Festeinstellungen drückt?
Ich habe die Partner-Links zu amazon von meiner Homepage gelöscht. In älteren Postings sind sie wohl noch enthalten, mir fehlt dafür die Zeit, sie alle zu löschen.
Dienstag, 15. November 2011
Nein, liebe Damen und Herren von Kinowelt, ich hatte echt nie die Absicht, die Sissifilme öffentlich aufzuführen
Wenn man heute einen Film kauft und einlegt, kommt eine derartige Flut an Rechtsbelehrungen und Warnungen auf einen zu, dass man sich fragt, welch hochgefährliches Höllenprodukt man sich da wohl zugelegt hat. Die Warnhinweise auf einer Großpackung Morphium sind wahrscheinlich läppisch dagegen.
Das alles wäre nicht schlimm, wenn man das Geschwafel wenigstens schnell wegklicken könnte. Aber nicht doch! Dann würden dem boshaften, ignoranten Filmkonsumenten ja ein paar Zwangsbelehrungen entgehen.
Inzwischen sind die drei "Sissi-Filme" mit Romy Schneider auf Blu-ray herausgekommen. Tolle Filme, brillant restauriert, eine echte Empfehlung ... Nur, es dauert, bis man sie zu sehen bekommt.
Zunächst kommt ein Schriftzug, der einen darüber aufklärt, dass man den Film nicht öffentlich aufführen darf. Ich weiß wirklich nicht, welche Vorstellung die Herrschaften von Kinowelt von der Realität haben. Wie hoch schätzen die wohl den Prozentsatz ihrer Käufer ein, die tatsächlich auf die Idee kommen, Filme, die mindestens jährlich im Fernsehen laufen, öffentlich aufführen zu wollen?
Doch nicht nur das: Diese Schrifttafel wird auch noch von einem gelangweilten Sprecher, der alle Zeit der Welt zu haben scheint, im trägen Plauderton vorgelesen. Und dieser ganze Labermüll über irgendwelche strafrechtlichen Drohungen, die sofort eintreten, wenn man irgendwas angeblich Verbotenes mit dem Film tut, lassen sich nicht einmal beschleunigen, geschweige denn überspringen.
So eine Idiotie hätte ich ehrlich gesagt nicht einmal den offensichtlich paranoiden Mitarbeitern von Kinowelt zugetraut. Am Ende war ich so genervt, dass ich mir am liebsten geschworen hätte, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um den Film doch noch irgendwie öffentlich aufzuführen. Quasi als stille Rebellion, als offenen Ungehorsam! Könnte man vielleicht irgendwie mit dem nächsten Banken-Sitting kombinieren.
Hat man den Lall überwunden, kommt natürlich die obligatorische Altersempfehlungsbelehrung, in der einem zum x-ten Mal erklärt wird, dass der Film dennoch unpädagogisch und scheiße sein kann, auch wenn ihn zwölf Prüfer eingehend gesichtet und mit einer Freigabe ab null versehen haben. Im Fall von Sissi heißt das übersetzt: Der Film ist ab null Jahren, euer Kind wird also aufgrund des Films kein Axtmörder werden, ob es danach allerdings noch immer die Demokratie für eine tolle Sache hält, wenn es mal Angela Merkel mit Romy Schneider vergleicht, da waschen wir unsere Hände in Unschuld.
Danach folgt dann noch ein Text mit der Belehrung, dass man die Entertaste der Fernbedienung drücken soll (wusste gar nicht, dass die eine Entertaste hat, aber gut) wenn man die Gehörlosenfassung aktivieren will. Warum dieser Text auch vorgelesen wird, weiß ich nicht, für die Gehörlosen ja wohl eher nicht, und die, die hören können (dürfte ja selbst bei einem Film wie "Sissi" noch immer die Mehrheit sein), erfahren auch nicht, was sie drücken müssen, wenn sie den Film ganz normal sehen wollen.
Hat man all das durchgestanden, ist man endlich im Menü angekommen und kann den Film sehen. Bei all den Quatschinfos versäumt es Kinowelt übrigens, dem Käufer zu verraten, auf welcher der drei Blu-rays sich die Extras verbergen, für die auf der Verpackung geworben wird. Ich wollte mir zuerst die Extras ansehen und legte auf Verdacht hin die dritte Blu-ray ein. Da war allerdings das gesuchte Extra – eine Doku über Romy Schneider – nicht drauf. Also legte ich die erste Blu-ray ein. Wieder Belehrung über öffentliche Aufführung und darüber, dass die FSK keine pädagogischen Empfehlungen gibt. Und ich frage mich langsam: Warum gibt es die eigentlich nicht? Anstatt immer wieder wertvolle Lebenszeit der Kunden zu vergeuden, indem ihnen immer wieder gesagt wird, was die FSK-Freigabe nicht ist, warum kann man nicht einfach an dieser Stelle kurz eine Empfehlung einblenden? Oder auf die Verpackung kleben. Freigabe: Ab Null. Empfehlung: Ab 10. Fertig. Könnte man sich den ganzen anderen Quatsch sparen. Oder sehen sich die schlauen Prüfer der FSK nicht dazu in der Lage, neben einer "Freigabe" auch eine "Empfehlung" auszusprechen?
Auch auf Blu-ray 1 war das Extra nicht. Es war auf Blu-ray 2! Nach geschlagenen fünfzehn Minuten konnte ich also endlich auf einer selbst gekauften Blu-ray den Inhalt sehen, den ich sehen wollte.
Samstag, 5. November 2011
Der Kult-Begründer
Der Tod von H. G. Francis hat mich daran erinnert, wie sehr dieser Autor mich in meiner Jugend geprägt hat. Als Kind habe ich die Hörspiele, die von ihm verfasst wurden, regelrecht verschlungen. Und während Eberhard Alexander-Burgh mit seinen wundervollen Hörspiel-Reihen "Hui Buh" und "Die Hexe Schrumpeldei" ganz sicher meinen schwarz-albern-abstrusen Sinn für Humor geprägt hat, so hat H. G. Francis meine Vorliebe für Science Fiction und Grusel gefördert.
Eines meiner ersten H.-G.-Francis-Hörspiele war "Das Gespenst vom Schlosshotel". Ein junges Ehepaar muss wegen einer gesperrten Brücke in einem Schlosshotel übernachten, wo im Keller ein Geist haust. Ich habe mich zu Tode geängstigt, wusste H. G. Francis doch genau, dass es für Kinder nichts Gruseligeres gibt als ein unheimlicher Keller.
Das Besondere an diesem Hörspiel war der Verzicht auf einen Erzähler, was bei H. G. Francis - im Gegensatz zu allen anderen Europa-Hörspielen - sehr häufig vorkam. Durch H. G. Francis habe ich schon damals gelernt, wie man trockene Information in einen unterhaltsamen Dialog packt. Und ich habe gelernt, wie man es besser nicht machen sollte.
Meine erste große Science-Fiction-Begeisterung war "Commander Perkins". Die Begegnung mit den unheilvollen Weganern, welche die Menschen für den Ursprung des Bösen halten und in rätselhaften Sprüchen Bibelstellen zitieren, war so völlig anders als das, was man damals aus dem Fernsehen kannte. Hier zog sich die Spannung aus Andeutungen, Mystery und Geheimnissen. Historische Geschichten wurden mit Science Fiction erklärt, darunter eine Bibelstelle aus dem Alten Testament.
Das hat nicht zuletzt wegen Erich von Däniken heute natürlich einen langen, albernen Bart, doch damals war es für mich aufregend, neu und geheimnisvoll. Obwohl "Commander Perkins" nur neun Hörspielfolgen hat, die auch noch vorzeitig beendet und deren zweiter Zyklus daher nie aufgelöst wurde (gefolgt von einer zehnteiligen Jugendbuchreihe, in der aber die offene Story der Hörspiele nicht aufgegriffen wurde und die ebenfalls mit einem offenen Ende aufwartet), ist "Commander Perkins" noch heute zu Recht Kult.
Denn wenn etwas genial ist, wenn etwas stimmig ist, wenn etwas faszinierende Charaktere und eine spannende, originelle Story hat, dann interessiert es nicht, ob am Ende irgendwelche Detailfragen offen bleiben. Das gilt auch für Serien wie "The Prisoner" oder "Twin Peaks". Das gilt auch für Filme wie "Das weiße Band". Und natürlich auch für "Lost", wo die Macher in dem ultimativ genialen Nachtrag "New Man in Charge" noch einige Fragen beantworteten und damit zeigten, wie uninteressant diese erratbaren Antworten waren (und wie man sich stattdessen als Zuschauer freute, Figuren wie Walt oder Hurley wiederzusehen.)
Fast scheint es so, als habe H. G. Francis damals den kleinen, vor seinem Kassettenrekorder sitzenden Thomas auf diese späteren Kultserien behutsam vorbereiten wollen. Und wenn er die Schuld trägt, dass mich noch heute viel Mainstream-Käse in Kino und TV langweilt, dann wäre allein das schon Grund genug, ihm für alle Zeiten dankbar zu sein.
Freitag, 2. September 2011
Die Ersatz-Bildzeitung aus der Provinz
Dabei ist das sogenannte linksintellektuelle Lager viel schlimmer. Dass sich daran nichts geändert hat, zeigte kürzlich ein Beitrag auf "Zeit online", der vorgab, über das 50jährige Jubiläum der Heftreihe "Perry Rhodan" berichten zu wollen, dessen Autor sich stattdessen jedoch nicht entblödete, die Überschrift "Der Ersatz-Hitler aus dem All" zu wählen. Als es Proteste hagelte, wurde die Überschrift in "Der Weltraum als Modelleisenbahn-Keller" geändert. Bravo. Aus einem ignoranten, vorurteilsbeladenen und rufmörderischen Titel wurde also ein ignoranter und vorurteilsbeladener Titel. Welch ein Fortschritt.
Doch das dummdreiste Geschwafel über Science Fiction in der ansonsten doch angeblich so aufgeschlossenen Nicht-Boulevard-Presse hat eine lange Tradition. Bereits 1975 hat der "Der Spiegel" von einem "Kino-Comeback jener hochgradig stupiden TV-Serie, die das ZDF unter dem Titel 'Raumschiff Enterprise' dargeboten hat" (Spiegel 53/75) berichtet, ohne weiter darauf einzugehen, was denn eigentlich an der Serie so "hochgradig stupide" war. Damals glaubte man wohl, dies nicht weiter begründen zu müssen.
1978 war anlässlich des Erfolgs von "Krieg der Sterne" ein Artikel unter dem Titel "Science Fiction – Flucht ins All" (Spiegel 5/78) erschienen, in welchem "Perry Rhodan" als "schlimmste Ausgeburt imperialistischer, faschistischer Zukunftsphantasie" beschimpft und der Titelheld als "Space Adolf" bezeichnet wurde. Weil das offenbar noch nicht reichte, wurde die amerikanische Essayistin Susan Sonntag zitiert, die Parallelen zwischen Science Fiction und Pornografie entdeckt zu haben glaubte. "Die Pornografie ist – genauso wie die Science Fiction – ein Zweig der Literatur, der auf Desorientierung, auf psychische Verwirrung, ausgerichtet ist." Diese doch reichlich hirnrissig klingende Aussage wurde weder erläutert noch erklärt. Es war damals wohl auch egal, Hauptsache, es klang irgendwie wissenschaftlich und diffamierte das Science-Fiction-Genre nach Strich und Faden.
Danach wurde der Psychologe Thomas vom Scheidt zitiert, der "SF-Leser mit dem Rauschdrogen-Konsumenten" verglich. "Vom Scheidt (...) hat in seiner Praxis SF-Freaks psychoanalytisch behandelt und dabei Defekte der seelischen Struktur seiner Patienten entdeckt, die offensichtlich typisch für das Gros der SF-Anhänger sind. Von Freuds Feststellung ausgehend, 'der Glückliche phantasiert nie, nur der Unbefriedigte', stieß er auf eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, die sich durch 'seelische Zustände von Sinnlosigkeit, tiefster Verlassenheit und Isoliertheit' bemerkbar macht."
Es ist doch eher unwahrscheinlich, dass vom Scheidt seine "Untersuchungen" nach empirisch ernstzunehmenden Kriterien durchführte, so dass die Aussage, die angeblichen Defizite seien "typisch für das Gros der SF-Anhänger" wohl nichts anderes als reine Spekulation und Wichtigtuerei waren. Schade, dass noch niemand die Defizite von Journalisten untersucht hat. Es wäre interessant zu erfahren, welche Motivation manchen aus ihrer Gattung (oder soll man sagen, ein "Gros" ihrer Gattung?) noch heute dazu treibt, ein literarisches Genre mit haltlosen Nazi- und Pornografie-Vergleichen in ein schiefes Licht zu rücken.
Da offenbar so mancher Journalist von Zeit Online auf dieser hinterwäldlerischen Voreingenommenheit der verlängerten Nachkriegszeit stehen geblieben ist und selbst angesichts eines so eindrucksvollen Literatur-Phänomens wie "Perry Rhodan" noch immer nichts besseres zu bieten hat, als hirn- halt- und geistlose Klischees und Vorurteile von vorgestern nachzuplappern, lässt das nur einen Schluss zu: Zeit Online ist die "Ersatz-Bildzeitung aus der Provinz".
